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Michael Aue      >>> Liebevolles St. Leonhard <<<


 
 


Bürgermeister Horst Förther und Micheal Aue, 17. Juli 2009 Ackerei St. Leonhardsplatz   Foto: Stefan Hippel

 
 

Als kleiner Exkurs sei ein kurzer Blick auf die volkswirtschaftliche Bedeutung der Prostitution in Deutschland erlaubt. Geschätzte Daten:
Etwa 400 000 Frauen sind in Deutschland in der Sexarbeit tätig. Das durchschnittliche Jahreseinkommen beträgt etwa 36 000 Euro.
Jährlicher Gesamtumsatz der Sexarbeit in Deutschland: 14,5 Mrd. Euro Zum Verleich (für das Jahr 2000): MAN AG: 15,0 Mrd. Euro Karstadt Quelle AG: 15,2 Mrd. Euro Adam Opel AG: 17,1 Mrd. Euro Bertelsman AG: 18,2 Mrd. Euro. Zu erwartende Steuereinnahmen aus der Sexarbeit: 1,5 Mrd. Euro (Quelle: Reichel / Topper: Prostitution: der verkannte Wirtschaftsfaktor, in: AUFKLÄRUNG UND KRITIK, Heft 2/2003)

Bei der Umsetzung des Projektes entstanden Fotoserien in drei sehr unterschiedlichen Bordellen, die die Vielfalt des Angebotes der »Ware Liebe« im Stadtteil wiederspiegeln: einem luxuriösen Edelbordell, einem eher tiefpreisigen Durchschnittsbordell und einem Thaibordell für die Liebhaber asiatischer Damen. Die Fotoserien zeigen den »Arbeitsplatz Bordell«, nicht die Arbeit selbst oder die Sexarbeiterinnen.
In die Präsentation dieser Fotoserien im Rahmen der Gesamtinstallation in der leerstehenden Bäckerei am Leonhardsplatz waren folgende drei Thesen als Diskussionsanker eingebunden:

These 1:
Prostitution ist Sexarbeit.
Das ist professionelle Arbeit wie jede andere auch: selbstbestimmt, staatlich anerkannt und akzeptiert, steuerpflichtig, bedarfs- und kundenorientiert, mobil, flexibel, gewinnbringend, attraktiv für Besucher aus der gesamten Metropolregion Nürnberg und Gäste aus aller Welt ... also: ein wirtschaftlich bedeutender Standortfaktor für den Stadtteil.

These 2:
Prostitution ist Dienstleistung. Ein breitgefächertes Dienstleistungsangebot verbessert die Infrastruktur eines Stadtteils. Eine gute Infrastruktur erhöht die Attraktivität des Stadtteils. ... also: Prostitution ist imagefördernd für den Stadtteil.

These 3:
Prostitution schafft Arbeitsplätze. Arbeitsplätze sind wichtig für den Stadtteil. Arbeitsplätze müssen erhalten werden. Wer ein Bordell betreibt, erhält Arbeitsplätze. Wer ein Bordell schließt, vernichtet Arbeitsplätze. ... also: Prostitution belebt die Wirtschaft im Stadtteil.


Die Diskussion dieser Thesen war, ist und bleibt kontrovers. Und das ist gut so.

 
  Video im Schaufenster Ackerei 17./18. Juli 2009 Ackerei St. Leonhardsplatz             Foto: M. Aue
 


Die Idee zum Projekt »Liebevolles St. Leohard« basiert auf einem realen Hintergrund:
Im Rahmen der öffentlichen Berichterstattung über St. Leonhard, das als »sozialer Brennpunkt« und Stadtteil in »sozialer Schieflage« beschrieben wurde, geriet seit dem Jahr 2007 – neben dem immer wieder beklagten Gebrauchtwagenhandel - plötzlich auch die Prostitution ins Fadenkreuz der Medien und damit der öffentlichen Diskussion: Freudenhäuser neben Autohäusern, Callgirl-Appartments in Mietshäusern... also: Gefährdung unschuldiger Kinder, Belästigung der unbescholtenen Nachbarn, Störung des sozialen Friedens... usw.
Analyse: »Gewerbliche Unzucht« ist ein Indiz für die soziale Schieflage des Stadtteils. Schlussfolgerung: Weg mit der Prostitution, dann ist die soziale Schieflage beseitigt. Bis zum aktuellen Projektzeitraum in 2009 hat sich die Situation bereits verändert: Während im Jahre 2007 noch acht Bordelle bzw. Clubs den Alltag und die Wirtschaft in St. Leonhard belebten, sind es heute nur noch fünf Geschäftsbetriebe. Drei Betriebe sind inzwischen von den städtischen Behörden geschlossen worden. Dabei sind dem Stadtteil zahlreiche Arbeitsplätze verloren gegangen. Um die Schließung eines weiteren Bordells wird z.Zt. ein Rechtsstreit ausgetragen. Das Projekt »Liebevolles St. Leonhardt« sammelt seit Anfang 2009 Daten und Fakten zur aktuellen Situation der Sexarbeit im Stadtteil. Erste Arbeitsergebnisse sowie Fotos und Thesen zur Sexarbeit im Quartier wurden im Juni mit einer Schaufenster- Installation beim ehemaligen »Pferdesport Hoffmann« präsentiert und am Projektwochenende im Juli 2009 in Form einer Ausstellung in einem leerstehenden Laden am Leonhardsplatz vor- und zur Diskussion gestellt. Die Diskussionsergebnisse sowie die Auswertung der am Projektwochenende verteilten Fragebögen wurden bei der Abschlusspräsentation im November2009 in einem künstlerischen Kontext öffentlich präsentiert – mit dem Ziel, einen Diskurs in Gang zu setzen, der einen neuen Blick auf die Prostitution im Stadtteil als positiven Standortfaktor ermöglicht.

»Liebevolles St. Leonhard« verfolgt eine klare Zielsetzung:
Die positive Umbewertung der Prostitution im Stadtteil – weg vom fantasiegeprägten diskriminierenden Schmuddelbild (unsittlich, gewalttätig, frauenfeindlich, jugendgefährdend, kriminell... also: schädlich für den Stadtteil) hin zu einem realistisch orientierten Bild, das Imagegewinn und positive Identifikation ermöglicht.