Wenn ich an diesen Sommer zurückdenke, zählen die zwei Tage mit meinen KünstlerkollegInnen und den BewohnerInnen von St. Leonhard auf dem zentralen Platz des Stadtteils zu einem der intensivsten Erlebnisse. Da ich nicht an die angeblich besonderen, seherischen Fähigkeiten des Fotografen mit seinen »magischen« Möglichkeiten glaube, das Besondere des fotografischen Gegenübers herauszuarbeiten, ist es mir bei meiner Arbeit wichtig, die Menschen sehr intensiv in den gestalterischen Prozess des Fotografierens mit einzubeziehen. Das gilt für meine Arbeit ganz allgemein – und natürlich auch für die in St. Leonhard. Keines meiner Bilder wäre ohne den Dialog mit den Menschen vor Ort entstanden.
Vom ersten Moment an hat mich die herzliche Offenheit überwältigt, mit der die Menschen auf mich zugegangen sind. Ich glaube, dieses gegenseitige Vertrauen ist in den Bildern spürbar. Die Portraits aus St. Leonhard gehören selbstverständlich den Menschen aus St. Leonhard – und deshalb war es mir von Anfang an wichtig, dass diese ihre Bilder möglichst schnell in den Händen halten konnten. Die schnelle Verfügbarkeit der Aufnahmen durch die digitale Fotografie und der Spaß mit dem skurrilen, außerirdischen Thermosublimationsdrucker vor Ort haben den Entschluss gerechtfertigt, auf die ursprüngliche Idee, die Bilder in Schwarz-Weiß aufzunehmen und dann zusammen mit interessierten Helfern aus St. Leonhard zu entwickeln, zu verzichten.
Bisher fand der Dialog fast nur zwischen mir und den jeweils abgebildeten Personen statt. Vermutlich kennen sich nur wenige auch untereinander. Meine Idee war es, die Fotos möglichst vieler im vorliegenden Katalog zu versammeln – außer jemand hat sich wirklich ausdrücklich gegen eine Veröffentlichung entschieden. Auf diese Weise findet erstmals ein stiller Dialog zwischen den Bildern selbst statt, durch den hoffentlich auch das Gespräch zwischen den realen Menschen in Gang gesetzt wird.
Außerdem werden sich nun erstmals auch Menschen daran beteiligen, die nicht unbedingt in St. Leonhard wohnen. Sie entdecken einen Stadtteil, dem seit vielen Jahren das Etikett »Problemviertel« anhaftet – und stellen fest, dass dieses »abstrakte« Gebilde ein Gesicht – oder genauer gesagt viele menschliche Gesichter hat. Um die Aufnahmen aber weiterhin vor allem den Bewohnern des Stadtviertels zugänglich zu machen, möchte ich sie gerne an dem Ort zeigen, an dem viele Menschen immer wieder zusammen kommen: an der Litfass-Säule auf dem Leonhardsplatz, zwischen dem Obst in einem Supermarkt oder in der Auslage eines Cafés. So ist die Präsentation dieses Kataloges, die damit verbundene Ausstellung und die
sicherlich folgende Diskussion für mich nicht Schlusspunkt eines intensiven Sommererlebnisses.
Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an. Ich würde mir wünschen, dass sich eine kleine Gruppe bildet, die an fotografischen Langzeitprojekten arbeitet.
Und keine Angst: ein LeoPART beißt nicht!
Bruno Weiß